Ein fingierter Brief des 1825 verstorbenen Dichters an die Vorstandschaft, verfasst zum 150. Stiftungsfest im Jahr 1953. Der Text lag im alten Internetauftritt unveröffentlicht in der Datenbank.

Jean Paul Friedrich Richter, Erntemonat 1953

An die Vorstandschaft der Gesellschaft „Harmonie“, zu Händen von Herrn Dr. med. Albert Angerer, Bayreuth

Sehr verehrter Herr Doktor!

Als ein im Jahre 1825 verstorbenes Mitglied Ihrer hochlöblichen Harmonie-Gesellschaft erlaube ich mir, mich anlässlich Ihres 150-jährigen Stiftungsfestes mit Ihnen ins Benehmen zu setzen. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, gehörte ich 21 Jahre lang zu den fast täglichen Besuchern Ihres Gesellschaftshauses am Schlossberglein. Ich darf hinzufügen, dass die dort in Ihrem Lesekabinett oder in den sonstigen Gesellschaftsräumen verbrachten Stunden zu den glücklichsten meines Erdendaseins zählten. Vielleicht war es gerade Ihre Harmonie, die während meiner stillen Bayreuther Ehejahre am meisten meine geistige und künstlerische Spannkraft hochhielt.

Was aber Ihre Veranstaltungen, namentlich die Bälle, für meine liebe Caroline als eine geborene Berlinerin bedeuteten, brauche ich Ihnen nicht eigens aufzuführen. In den späteren Jahren traten dann meine heranwachsenden Töchter Emma und Ottilie in die Spuren ihrer tanzesfrohen Mutter. Dass beide Mädchen so früh ihr Lebensglück an der Seite von ausgezeichneten, gebildeten Männern fanden, war wohl hauptsächlich der gesellschaftlichen Erziehung zuzuschreiben, die sie in Ihrem Kreise genossen. Für all das und manches andere fühle ich mich Ihrer Gesellschaft zu Dank verpflichtet.

Unter diesen Umständen drängt es mich, Ihrer Harmonie-Gesellschaft zu ihrem Stiftungsfest persönlich meine Glückwünsche zu überbringen. Der Anlass ist bedeutsam genug, um einen abgeschiedenen Geist vorübergehend aus dem Reich des Ewigen in irdisches Dasein zurückzurufen. Allerdings bedarf es vorher noch der Beseitigung einiger Differenzen, die meinem Gewissen bis heute zu schaffen machen. Es sind – so will es mir scheinen – kleine Dinge, wenn schon sie mich zu Lebzeiten so erregten, dass ich wiederholt nahe daran war, meinen Austritt aus Ihrer Gesellschaft zu erklären.

Zunächst betrifft dies verschiedene Mahnungen, die Ihre Vorstandschaft mir zugehen ließ, weil ich gegen die Hausregel meinen Spitz „Alert“, später meinen Pudel „Ponto“ in die Gesellschaftsräume mitzunehmen pflegte. Bei der Beurteilung des Sachverhaltes wäre zu bedenken, dass sowohl Alert wie Ponto ihrer Intelligenz wie ihres Benehmens wegen als durchaus gesellschaftsfähig angesehen werden konnten und sich allseits besonderer Beliebtheit erfreuten.

Der zweite Fall betrifft meine Wetterprophezeiungen, die ich täglich in der Harmonie anzuschlagen pflegte, wennschon sie nicht immer eintrafen, was dann und wann bei einzelnen Mitgliedern zu Enttäuschungen führte. Ich bedauere diese Opfer meiner Prognosen und will zu meiner Entlastung nur anführen, dass mir als einzige Gehilfen nur zwei Laubfrösche zur Verfügung standen.

Um auch die dritte und letzte Differenz endlich ins Reine zu bringen, habe ich mich entschlossen, die im März 1813 bei der Harmonie-Gesellschaft eingereichte Beschwerde gegen den Regierungsassessor und Advokaten Keim (den Begründer des Erlanger Corps Baruthia) zurückzuziehen und damit der Bitte Ihres damaligen Vorstandes zu folgen, dass „einem der Kunst geheiligten Gemüthe“ jede Dissonanz sich in reine Harmonie aufzulösen habe. Ich sehe also die langwierige Beleidigungsangelegenheit nunmehr als erledigt an. Damit steht meinem Erscheinen nichts mehr im Wege.

Lassen Sie mich, sehr verehrter Herr Doktor, für heute schließen. Auf Wiedersehen am Abend des 29. August. Wollen Sie und die sehr geehrten Damen und Herren Ihrer Gesellschaft bei meinem Erscheinen nicht erschrecken. Alert und Ponto müssen nun leider zu Hause bleiben, da ich keinen zurücksetzen und mir nicht nochmals eine Mahnung zuziehen will.

Ihr gehorsamer und sehr ergebener

(Jean Paul Fr. Richter)